Wir freuen uns, die beiden folgenden Hauptvorträge ankündigen zu können, die diesmal von zwei bedeutenden Vertretern der Angewandten Linguistik gehalten werden.

Herr Professor Dr. Dieter Wolff (Wuppertal) spricht zum Thema:



und

Herr Professor Dr. Wolfgang Teubert spricht zum Thema




Hauptvortrag I

Professor Dr. Dieter Wolff (Wuppertal):


Die Fremdsprachendidaktik: Eine Disziplin im Spannungsfeld von Theorie (Anspruch) und Praxis (Wirklichkeit)

Abstract


Die Fremdsprachendidaktik beschäftigt sich mit dem Lernen von Fremdsprachen in institutionellen Kontexten. Während sie zunächst den schulischen Erwerb der modernen Fremdsprachen nach dem Vorbild des grammatikorientierten Zugangs zu den alten Sprachen modellierte, entwickelte sie in einer zweiten Phase, beeinflusst von strukturalistischen Vorstellungen einer deskriptiv orientierten Linguistik und einer behavioristisch orientierten Lernpsychologie, Konzepte des Sprachlernens, die stärker auf den mündlichen Gebrauch der Fremdsprachen ausgerichtet waren, sich aber durch ein mechanistisch geprägtes Verständnis vom Lernen  charakterisierten. Erst in den letzten vierzig Jahren hat sich, wiederum beeinflusst durch jüngere lernpsychologische, linguistische und psycholinguistische Strömungen, ein Verständnis vom Erwerb einer Fremdsprache entwickelt, das stärker prozessorientiert auf die Kompetenzen fokussiert, die zum Gebrauch einer Sprache erforderlich sind. Jede dieser fremdsprachendidaktischen Schulen war bzw. ist also verankert in einer sprachwissenschaftlichen und lernpsychologischen Theorie, die eine bestimmte epochale Grundströmung widerspiegelt. Jede dieser Schulen hat aber auch versucht, eine Theorie der Praxis der jeweiligen Theorie zu entwickeln, die als Leitbild für die konkrete Unterrichtspraxis dienen und die Umsetzung in das praktische Unterrichtsgeschehen erleichtern sollte. Dies ist in den verschiedenen fremdsprachendidaktischen Schulen in unterschiedlichem Maße gelungen.

In meinem Vortrag möchte ich dieses Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis für die aktuell beobachtbaren und zum Teil miteinander konkurrierenden fremdsprachendidaktischen Ansätze ausloten und gleichzeitig verdeutlichen, inwieweit die theoretischen Ansprüche in der schulischen Wirklichkeit realisiert werden können. Neben einem häufig anzutreffenden eher eklektischen Ansatz, der vor allem auf persönlichen Erfahrungen der Lehrpersonen rekurriert und nur selten einer Theorie verpflichtet ist, sind es vor allem drei Strömungen, die ich zu identifizieren vermag: (1) die so genannte kommunikative Didaktik in ihren verschiedenen Spielarten, die zumindest von der Theorie her heute als mainstream Fremdsprachendidaktik bezeichnet werden kann, (2) der Ansatz, der mit dem Stichwort Lernerautonomie verbunden ist und in der unterrichtlichen Praxis in Deutschland bisher kaum vertreten ist, und schließlich (3) das so genannte bilinguale Lehren und Lernen, bei dem ein Sachfach in der Fremdsprache vermittelt wird. Gerade dieser Ansatz tritt im tertiären Bildungsbereich immer stärker in den Vordergrund. Die drei zuletzt genannten Ansätze werden im Mittelpunkt meines Vortrags stehen.


Biodata

Dr. Dieter Wolff ist emeritierter Professor für Angewandte Psycholinguistik an der Bergischen Universität in Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachverarbeitung in einer zweiten Sprache, Schulischer Fremdsprachenunterricht und Bilinguale Erziehung. Er war sechs Jahre Vizepräsident der AILA (Association Internationale de Linguistique Appliquée) und über Jahre hinweg Mitherausgeber dreier Zeitschriften zur Angewandten Linguistik und zum Fremdsprachenunterricht (Die Neueren Sprachen, Neusprachliche Mitteilungen aus Unterricht und Praxis, International CLIL Research Journal). Zurzeit berät er verschiedene europäische Regierungen im Hinblick auf den Bilingualen Sachfachunterricht. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Beratertätigkeit im nationalen Rahmen liegt auf dem früh beginnenden Fremdsprachenunterricht.

Er nahm an einer Reihe von europäischen Projekten teil, z.B. zuletzt in dem von der EU finanzierten CCN-Projekt (CLIL Cascade Network) und einem Projekt zur Entwicklung von Curricula für die CLIL-Lehrerausbildung, das vom Europarat finanziert wurde. Ein Projekt mit dem Goethe Institut Mailand zum Bilingualen Sachfachunterricht wurde vor wenigen Monaten abgeschlossen. Das in diesem Zusammenhang entstandene Buch CLIL in deutscher Sprache in Italien – Ein Leitfaden, das auch in italienischer Übersetzung vorliegt, ist im italienischen CLIL-Kontext inzwischen weit verbreitet. 

Zurzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Berater für den Schulverlag Plus in Bern an der Entwicklung eines Französischlehrwerks (Mille feuilles/Clin d‘oeil) für den Anfängerunterricht. Es geht hier darum, Lehrmaterialien zu entwickeln, die auf neuen fremdsprachendidaktischen Konzepten basieren, d.h. schülerorientiert und authentisch sind.

Seine Veröffentlichungsliste umfasst 12 Bücher und mehr als 220 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften, Handbüchern und Sammelbänden. Seine Buchveröffentlichung Fremdsprachenlernen als Konstruktion: Grundlagen einer konstruktivistischen Fremdsprachendidaktik wurde 2002 von Peter Lang veröffentlicht und erschien 2009 in der zweiten Auflage. Zum bilingualen Sachfachunterricht veröffentlichte er mehr als 30 Aufsätze in renommierten internationalen Zeitschriften und in Sammelbänden.



   


Hauptvortrag II

Prof. Dr. Wolfgang Teubert (Birmingham, United Kindom):


Foreign languages – new horizons

Abstract

Foreign languages give us the opportunity to discover exciting new worlds, and offer us a new perspective on our own world. For the worlds we experience are less the reality as it 'really' is than what we are told about them, and this applies to the natural, the social and the spiritual world, the world of ideas. What for the German is a Schloss, can be a castle, a palace or a manor house in Britain, and for the English mind, the dictionary gives us esprit or raison in French, and Geist or Verstand in German. But do these words really mean the same?

The desire to understand foreign cultures may have been the traditional reason to study foreign languages. Competitive schools tell us that speaking foreign tongues is part of being 'ein allseits gebildeter Mensch' in Germany, or a ‘gentleman’ in Britain. However, below the surface of such noble motives often lurk more selfish considerations: To get a top job where you can earn loads of money, the knowledge of foreign languages is as essential as parents with the right background and connexions. This is the message of private schools not only in Britain, but there in particular, and there it goes together with a hardly concealed discouragement at state schools to take up languages. Some states, like Luxembourg - and soon also Saarland, we hope - are pursuing more egalitarian goals: by making the whole population bilingual or multilingual, they create a polyglot society, which not only affords better job opportunities but also a familiarity with different cultural perspectives of the world we encounter.

How can such goals be approached? I plead for an awareness of the differences between languages. This means I am in conflict with the pervasive British model of teaching the target language without recourse to the learners' native language. For generations, Britain has been sending out English teachers to the wide world who often don’t speak the local lingo. Teaching English abroad or at home has become an important asset of the British economy: “With over 20,000 ESL teaching jobs available monthly, English as a Second Language teachers are in high demand globally.” (http://www.oxfordseminars.ca/teach-english-abroad/20000-esl-jobs.php) As we know from migrant classes in Germany, this model also has the advantage of being cost-effective, as learners speaking different native languages can be taught together. But it fails to make us aware of cultural differences and correspondences. We are taught which words collocate with mind, so that we can emulate the typical English language user. Yet, we fail to notice how different this concept is from the German Geist or the French esprit.

Of course, teaching foreign languages means, first of all, teaching rules – rules describing how the target language is used. Following these rules is important – it makes what we say acceptable. But it is also important to understand their limitations. For the ultimate goal of foreign language learning should be to get to the point where the speaker’s creativity takes over, where he or she begins to contribute something new to the host discourse. By offering us new perspectives, a foreign language gives us the opportunity to reflect on the role language in general has for understanding the world in which we find ourselves.






Biodata


Since 2014, I am emeritus professor at the University of Birmingham. Having been the chair of corpus linguistics, I have now gradually moved towards discourse analysis.

As a linguist, I am interested in meaning more than in anything else. There are many other fields, for instance the study of the language system with its universal laws and arbitrary rules, the study of pragmatics, aimed at explaining how we understand each other beyond the confines of the language system, and the study of language variation and of language change. Meaning, however, is not a matter of the mechanics of a language system. Meaning is constructed through the symbolic interactions of the members of a discourse community. Only the analysis and comparison of discourses can shed light on meaning. Corpus linguistics provides a methodology helping us to find the textual evidence for the meaning of lexical items. The meaning of a lexical item, as I understand it, is co-extensive with the knowledge of the discursively constructed object for which this item stands. There is no point in distinguishing lexical meaning from encyclopaedic meaning. The aim of linguistics, as I see it, is to reconstruct the often implicit but sometimes explicit negotiations going on in discourse communities shaping meaning. For meaning is never fixed. Every new contribution to discourse adds something to what has been said before.

Here are some of my more relevant publications in recent years:
(2010) Meaning, Discourse and Society. Cambridge: Cambridge University Press. 
(2012) Is pragmatics the answer to our quest for meaning?, in: Language and Dialogue 1, 1. 
(2012) Democracy and web-based dialogue. In: Francois Cooren and Alain Létourneau (eds.): Dialogue and Representation. Amsterdam:  Benjamins. 
(2013): Was there a cat in the garden? Knowledge between discourse and the monadic self. In: Language and Dialogue Vol. 2, 2. 
(2013) Die Wirklichkeit des Diskurses. In: Dietrich Busse and Wolfgang Teubert (eds.): Linguistische Diskursanalyse - Neue Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag. 
(2014) Die Bedeutung von Sprachkritik für die Demokratie. In:  Aptum 02, 98-114.


Praktische Fremdsprachenvermittlung international: Fremdsprachendidaktische Anregungen der 3. Saarbrücker Fremdsprachentagung (Informelle Website-Publikation) /  Practical Foreign Language Teaching from an International Perspective: Methodological Contributions to the Third Saarbrücken Conference on Foreign Language Teaching (Informal Website Publication):